Warum manche Menschen ein Leben lang um Liebe kämpfen — ein Essay von Corinna Busch
Journal · Essay

Warum manche Menschen ein Leben lang um Liebe kämpfen

Corinna Busch Mentorin für bewusstes Leben
& persönliches Wachstum

Es gibt Menschen, die können erstaunlich viel allein. Sie organisieren ihr Leben, übernehmen Verantwortung, funktionieren in Krisen und wirken auf andere unabhängig und stark. Nur in Beziehungen geschieht etwas Merkwürdiges: Plötzlich kämpfen sie um Liebe und um Menschen, die ihnen kaum entgegenkommen. Sie warten auf Nachrichten, erklären Rückzug, entschuldigen emotionale Unerreichbarkeit und hoffen noch auf Nähe, wenn längst kaum noch welche vorhanden ist.

Von außen ist das manchmal schwer zu verstehen. Warum geht jemand nicht einfach? Warum hält eine intelligente Frau an einem Mann fest, der ihr immer wieder signalisiert, dass er keine wirkliche Nähe zulassen kann? Warum bemüht sich ein erfolgreicher Mann jahrelang um eine Partnerin, die ihm emotional kaum etwas zurückgibt? Vielleicht, weil es dabei nicht nur um diesen Menschen geht. Manchmal beginnt die Geschichte sehr viel früher.

Wenn Liebe schon in der Kindheit unsicher war

Kinder sind existenziell auf ihre Bezugspersonen angewiesen. Sie brauchen nicht nur Nahrung, Schutz und ein Zuhause, sondern auch emotionale Resonanz: jemanden, der wahrnimmt, wenn sie Angst haben, traurig sind, sich freuen oder Trost brauchen.

Eine Mutter oder ein Vater kann körperlich anwesend und trotzdem emotional schwer erreichbar sein. Vielleicht ist die Mutter mit sich selbst beschäftigt, depressiv, überfordert oder emotional unreif. Vielleicht reagiert sie liebevoll, solange das Kind unkompliziert ist, aber gereizt, sobald es Bedürfnisse äußert. Vielleicht muss das Kind sogar früh lernen, auf die Stimmung der Mutter Rücksicht zu nehmen.

Auch ein Vater kann emotional abwesend, unberechenbar oder kaum ansprechbar sein. Das Kind zieht daraus normalerweise keine psychologische Analyse seiner Eltern. Es denkt nicht: Meine Mutter verfügt vermutlich nur über begrenzte emotionale Regulationsfähigkeiten. Es sucht die Erklärung bei sich. Wenn Mama sich zurückzieht, habe ich vielleicht etwas falsch gemacht. Wenn Papa mich nicht sieht, muss ich mich mehr anstrengen. Wenn ich unkompliziert, erfolgreich, lustig oder besonders fürsorglich bin, werde ich vielleicht geliebt.

Und so kann etwas entstehen, das einen Menschen weit über seine Kindheit hinaus begleitet: die Vorstellung, dass Liebe nicht einfach da ist. Dass man sie verdienen muss.

Warum wir um Liebe kämpfen, bevor wir verstehen, warum

Frühe Beziehungserfahrungen bestehen nicht nur aus Erinnerungen, die wir später bewusst abrufen können. Vieles wird implizit gelernt: Erwartungen darüber, wie andere Menschen reagieren, wie sicher Nähe ist und was geschieht, wenn wir Bedürfnisse zeigen. Deshalb wissen Erwachsene manchmal längst, dass ihre Kindheit vorbei ist – und reagieren trotzdem mit einer Intensität, die sie selbst überrascht.

Eine Nachricht bleibt unbeantwortet, und plötzlich entsteht enorme Unruhe. Ein Partner zieht sich zurück, und man kann an nichts anderes mehr denken. Jemand wird emotional kühler, und sofort beginnt die Suche nach dem eigenen Fehler.

Das bedeutet nicht, dass der Körper jede Kindheitserfahrung irgendwo buchstäblich „gespeichert“ hätte. Aber frühe Erfahrungen können beeinflussen, wie schnell unser Stresssystem auf Beziehungssituationen reagiert und welche Verhaltensweisen wir zur Regulation gelernt haben. Der Erwachsene denkt vielleicht: Ich möchte doch nur wissen, woran ich bin. Ein älterer Teil seiner Erfahrung sagt möglicherweise etwas anderes: Tu etwas. Sonst verlierst du die Verbindung.

Überlebensstrategien sehen nicht immer nach Verletzlichkeit aus

Interessanterweise wirken Menschen mit solchen Erfahrungen später keineswegs zwangsläufig hilflos. Manche werden ausgesprochen leistungsfähig. Sie verlassen sich auf niemanden, lösen ihre Probleme selbst und erscheinen nahezu unerschütterlich. Andere werden zu hervorragenden Beobachtern. Sie spüren kleinste Veränderungen in der Stimmung ihres Gegenübers und wissen häufig früher als dieser selbst, dass etwas nicht stimmt.

Wieder andere werden zu Menschen, die ständig geben. Sie hören zu, helfen, verstehen, entschuldigen und passen sich an. Was in der Kindheit einmal sinnvoll gewesen sein kann, wird später allerdings leicht zum Gefängnis. Aus Aufmerksamkeit wird Überwachsamkeit. Aus Hilfsbereitschaft wird Selbstaufgabe. Aus Selbstständigkeit wird die Unfähigkeit, jemanden zu brauchen. Und aus dem Wunsch nach Liebe wird der Versuch, sie sich immer wieder zu verdienen.

Warum ausgerechnet unerreichbare Menschen so faszinierend sein können

Hier beginnt eine der schmerzlichsten Wiederholungen. Man könnte annehmen, dass ein Mensch, der als Kind unter emotionaler Unerreichbarkeit gelitten hat, später selbstverständlich einen besonders verlässlichen Partner sucht. Manchmal geschieht genau das. Manchmal aber fühlt sich gerade das Vertraute merkwürdig anziehend an. Ein emotional verfügbarer Mensch meldet sich, interessiert sich, bleibt verbindlich und sagt, was er möchte. Eigentlich wunderbar. Nur fehlt etwas. Die Spannung. Das Warten. Die Unsicherheit.

Die enorme Erleichterung, wenn nach zwei Tagen endlich eine Nachricht kommt.

Was wir als starke Chemie interpretieren, kann verschiedene Ursachen haben. Und gelegentlich lohnt es sich zu fragen, ob ein Teil dieser Intensität tatsächlich aus Verbundenheit entsteht – oder aus der Aktivierung eines alten Beziehungsmusters. Denn ein Mensch, um den man kämpfen muss, bietet eine unbewusste Möglichkeit, eine alte Geschichte doch noch zu einem anderen Ende zu bringen: Vielleicht werde ich dieses Mal gewählt.

Töchter und Söhne emotional unreifer Eltern

Solche Erfahrungen betreffen nicht nur Töchter emotional unreifer Mütter. Auch Söhne können tief davon geprägt werden. Und die Strategien können sehr unterschiedlich aussehen. Eine Tochter kann versuchen, Verbindung durch Anpassung aufrechtzuerhalten. Sie gibt noch mehr, versteht noch mehr und stellt ihre eigenen Bedürfnisse zurück.

Ein Sohn kann lernen, sein Bedürfnis nach Nähe möglichst wenig zu zeigen. Er wird unabhängig, kontrolliert und zieht sich zurück, sobald eine Beziehung emotional intensiver wird. Es kann genauso gut umgekehrt sein. Geschlecht allein erklärt diese Muster nicht. Temperament, andere Bezugspersonen, spätere Erfahrungen und die gesamte Familiendynamik spielen eine Rolle. Doch hinter sehr unterschiedlichen Verhaltensweisen kann sich manchmal dieselbe alte Überzeugung verbergen: Wenn ich einen Menschen wirklich brauche, werde ich verletzlich. Der eine reagiert darauf, indem er sich festhält. Der andere, indem er verschwindet.

Alte Beziehungsmuster erkennen: Verständnis ist noch keine Veränderung

Es kann ungeheuer erleichternd sein, die eigene Geschichte plötzlich zu verstehen. Vielleicht erkennt man, weshalb man immer wieder bei Menschen landet, die emotional nicht erreichbar sind. Warum Zurückweisung einen so unverhältnismäßig hart trifft. Oder warum man sich zurückzieht, sobald jemand wirklich nahekommt. Aber Erkenntnis allein verändert ein tief eingeübtes Beziehungsmuster nicht automatisch.

Man kann seine Kindheit vollständig verstanden haben und trotzdem am Sonntagabend auf das Telefon starren, weil jemand seit Freitag nicht geantwortet hat. Veränderung beginnt deshalb häufig an einer anderen Stelle: beim Wahrnehmen dessen, was im gegenwärtigen Moment tatsächlich geschieht. Nicht: Warum bin ich ihm nicht wichtig genug? Sondern: Ist dieser Mensch überhaupt in der Lage und bereit, mir die Beziehung anzubieten, die ich brauche?

Das ist eine vollkommen andere Frage. Die erste macht den eigenen Wert zum Problem. Die zweite betrachtet die Realität.

Wenn man plötzlich nicht mehr um Liebe kämpfen muss

Vielleicht ist eine der schwierigsten Erfahrungen für Menschen mit solchen Beziehungsmustern ausgerechnet eine gute Beziehung. Denn Sicherheit kann sich zunächst ungewohnt anfühlen. Da ist jemand, der zurückruft. Der nicht nach einem intensiven Wochenende drei Tage verschwindet. Der einen Konflikt aushält. Der Interesse zeigt, ohne anschließend wieder auf Distanz zu gehen. Und möglicherweise entsteht nicht sofort das gewohnte Feuerwerk.

Das muss nicht bedeuten, dass eine sichere Beziehung automatisch die richtige ist oder dass Leidenschaft grundsätzlich verdächtig wäre. Aber es lohnt sich, die eigene Definition von Intensität zu überprüfen. Ruhe ist nicht dasselbe wie Langeweile. Und Ungewissheit ist nicht dasselbe wie Liebe. Wer jahrelang daran gewöhnt war, Verbindung durch Anstrengung herzustellen, muss manchmal erst erfahren, dass Nähe auch dort entstehen kann, wo niemand davonläuft.

Man muss nicht erst lernen, sich selbst vollkommen zu lieben

Der Satz „Du musst erst dich selbst lieben, bevor dich jemand anderes lieben kann“ gehört zu jenen Ratschlägen, die gut klingen und Menschen gelegentlich noch zusätzlich das Gefühl vermitteln, an ihrem Beziehungsleben selbst schuld zu sein. Menschen lernen Beziehung auch in Beziehungen. Durch neue Erfahrungen. Durch Freundschaften. Durch einen verlässlichen Partner. Manchmal auch durch eine gute therapeutische Beziehung.

Es geht nicht darum, eines Morgens mit einem vollständig reparierten Selbstwertgefühl aufzuwachen. Es geht darum, alte Automatismen früher zu erkennen. Nicht jeder Rückzug eines anderen muss verfolgt werden. Nicht jede emotionale Unerreichbarkeit muss verstanden werden. Nicht jede Beziehung muss gerettet werden. Und vor allem ist die Tatsache, dass ein anderer Mensch uns nicht geben kann oder will, was wir brauchen, kein Beweis dafür, dass wir es nicht wert wären. Vielleicht ist das eine der schwierigsten Erkenntnisse überhaupt.

Denn wer früh gelernt hat, um Liebe zu kämpfen, glaubt häufig, die entscheidende Aufgabe bestehe darin, endlich gut genug zu werden, damit jemand bleibt. Dabei könnte die eigentliche Veränderung an einer vollkommen anderen Stelle beginnen:

Vielleicht besteht Heilung irgendwann nicht mehr darin, endlich von einem unerreichbaren Menschen gewählt zu werden. Sondern darin, selbst nicht mehr Menschen zu wählen, bei denen man um Liebe kämpfen muss.

Passend zu diesem Artikel: https://corinnabusch.com/warum-kaempfen-wir-um-menschen-die-uns-nicht-wollen-von-corinna-busch/

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