Darf man erleichtert sein, wenn ein Elternteil stirbt? — ein Essay von Corinna Busch
Journal · Essay

Darf man erleichtert sein, wenn ein Elternteil stirbt?

Corinna Busch Mentorin für bewusstes Leben
& persönliches Wachstum

Über den Tod der eigenen Eltern gibt es eine gesellschaftlich ziemlich klare Vorstellung. Man ist traurig. Man vermisst sie. Man trauert. Vielleicht schaut man alte Fotos an, erinnert sich an gemeinsame Weihnachten und erzählt bei der Beerdigung jene Geschichten, in denen das Leben im Rückblick etwas harmonischer aussieht, als es tatsächlich gewesen ist.

Nur halten sich Gefühle erstaunlich selten an gesellschaftliche Drehbücher

Manche Menschen sitzen nach dem Tod ihrer Mutter oder ihres Vaters da und spüren neben Trauer etwas, das sie sich kaum einzugestehen wagen: Erleichterung. Vielleicht sogar Ruhe. Und unmittelbar danach kommt häufig das nächste Gefühl: Schuld. Was für ein Mensch ist erleichtert, wenn die eigene Mutter oder der eigene Vater stirbt? Vielleicht ein Mensch, dessen Geschichte mit diesem Elternteil komplizierter war, als ein Kondolenzsatz ausdrücken kann.

Wenn Trauer und Erleichterung gleichzeitig da sind

Trauer ist nicht immer ein eindeutiges Gefühl. Besonders nach schwierigen oder belastenden Beziehungen können sehr unterschiedliche Gefühle nebeneinander existieren: Traurigkeit, Wut, Sehnsucht, Leere, Liebe, Enttäuschung – und eben auch Erleichterung. In der Trauerpsychologie wird für solche widersprüchlichen Erfahrungen häufig von ambivalenter Trauer gesprochen.

Das bedeutet nicht, dass jemand froh über den Tod eines Menschen sein muss. Erleichterung kann sich vielmehr darauf beziehen, dass mit diesem Tod auch eine jahrelange Belastung endet. Das kann nach langer Pflege oder schwerer Krankheit geschehen, aber ebenso nach Jahrzehnten einer Beziehung, die von Sucht, psychischer Instabilität, Konflikten, emotionaler Vernachlässigung oder ständiger Verantwortung geprägt war. Man kann einen Menschen lieben und trotzdem unter der Beziehung zu ihm gelitten haben. Beides kann gleichzeitig wahr sein.

Wenn man schon als Kind Verantwortung übernommen hat

Besonders kompliziert kann der Tod eines Elternteils für Menschen sein, die bereits als Kinder gelernt haben, Verantwortung für Mutter oder Vater zu übernehmen. Vielleicht musste das Kind früh vernünftig sein, weil die Mutter depressiv war. Vielleicht beobachtete es ständig die Stimmung des alkoholabhängigen Vaters. Vielleicht versuchte es, Streit zu verhindern, Geschwister zu schützen oder einen emotional instabilen Elternteil nicht zusätzlich zu belasten.

Wenn Kinder dauerhaft Aufgaben oder emotionale Verantwortung übernehmen, die eigentlich bei Erwachsenen liegen sollten, spricht man von Parentifizierung. Solche frühen Rollen können erstaunlich lange bestehen bleiben. Aus dem Kind wird irgendwann ein erwachsener Mensch mit eigenem Leben – und trotzdem bleibt im Hintergrund das Gefühl: Ich muss mich kümmern. Das Telefon klingelt, und sofort entsteht Alarmbereitschaft. Wie geht es ihr? Hat er wieder getrunken? Ist etwas passiert? Muss ich hinfahren? Selbst wenn längst Hunderte Kilometer zwischen Eltern und erwachsenen Kindern liegen, kann diese innere Bereitschaft erhalten bleiben.

Wenn mit einem Menschen auch eine Aufgabe stirbt

Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb Erleichterung nach dem Tod der Mutter oder des Vaters so schwer zu verstehen sein kann: Mit dem Menschen endet manchmal auch eine Aufgabe. Die Tochter, die seit Jahrzehnten die Krisen ihrer Mutter auffängt, muss nicht mehr auf den nächsten Anruf warten. Der Sohn, der ständig damit rechnet, dass sein Vater wieder Hilfe braucht, muss nicht mehr in Bereitschaft sein. Ein erwachsener Mensch, der sich bei jedem Besuch erneut klein, kritisiert oder verantwortlich fühlte, weiß plötzlich: Diese Situation wird nicht wiederkommen.

Nach Jahrzehnten innerer Anspannung kann Ruhe entstehen. Und ausgerechnet diese Ruhe kann sich falsch anfühlen. Denn wenn Fürsorge und Verantwortlichkeit lange zur eigenen Identität gehört haben, kann das Ende dieser Aufgabe nicht nur befreiend sein. Es kann auch Leere hinterlassen. Wer bin ich eigentlich, wenn ich mich nicht mehr kümmern muss?

Schuldgefühle nach dem Tod der Eltern

Schuldgefühle nach dem Tod eines Elternteils entstehen häufig aus Gedanken darüber, was man noch hätte tun sollen. Hätte ich häufiger anrufen müssen? Geduldiger sein sollen? War der letzte Streit wirklich nötig? Warum bin ich nicht trauriger? Warum fühle ich mich plötzlich so frei? Gerade der letzte Gedanke kann erschrecken. Doch Gefühle sind keine moralischen Entscheidungen. Wir wählen nicht morgens aus, welche Emotion heute angemessen wäre. Sie entstehen aus unserer Geschichte, unseren Beziehungen und den Erfahrungen, die wir mit einem Menschen gemacht haben.

Deshalb sagt Erleichterung allein wenig darüber aus, ob jemand seine Mutter oder seinen Vater geliebt hat. Sie kann schlicht bedeuten, dass etwas Belastendes aufgehört hat.

Manchmal trauern wir um etwas, das nie stattgefunden hat

Bei einer schwierigen Beziehung zu den Eltern kommt häufig noch eine andere Form von Trauer hinzu. Mit dem Tod eines Elternteils endet nicht nur die reale Beziehung. Es endet auch die Möglichkeit, dass sie irgendwann noch anders werden könnte.

Vielleicht hatte man jahrzehntelang gehofft, der Vater würde eines Tages sagen: Ich bin stolz auf dich. Vielleicht wartete man darauf, dass die Mutter endlich echtes Interesse zeigt, Verantwortung übernimmt oder anerkennt, was in der Kindheit geschehen ist. Selbst wenn man längst nicht mehr ernsthaft damit gerechnet hat, kann irgendwo eine kleine Hoffnung geblieben sein.

Solange ein Mensch lebt, existiert theoretisch noch ein Morgen.

Mit seinem Tod verschwindet dieses Morgen. Dann trauert man möglicherweise nicht nur um den Menschen, der gestorben ist, sondern auch um die Mutter oder den Vater, den man gebraucht hätte und nie wirklich hatte. Das kann eine sehr stille Form von Trauer sein, weil Außenstehende häufig nur den tatsächlichen Verlust sehen – nicht den Verlust einer jahrzehntelangen Hoffnung.

Trauer ist kein moralischer Test

Vielleicht machen wir Trauer unnötig schwer, wenn wir glauben, sie müsse beweisen, wie sehr wir jemanden geliebt haben. Als gäbe es eine angemessene Menge Schmerz, die zeigt, dass man ein guter Sohn oder eine gute Tochter gewesen ist. Doch Beziehungen sind selten so ordentlich. Wir können Menschen lieben und dennoch zu Recht wütend auf sie sein, weil sie uns zum Beispiel nie wirklich gesehen – oder noch schlimmer – misshandelt haben. Wir können sie vermissen und gleichzeitig froh sein, bestimmte Situationen nie wieder erleben zu müssen. Wir können um jemanden weinen und am nächsten Morgen eine Leichtigkeit spüren, die uns selbst überrascht. Auch Trauer muss nicht jeden Tag gleich aussehen. Manchmal kommt sie sofort. Manchmal Monate später. Manchmal taucht sie an einem gewöhnlichen Dienstag im Supermarkt auf, weil irgendwo ein Lied läuft, das man seit dreißig Jahren nicht gehört hat.

Und manchmal kommt neben ihr Erleichterung. Vielleicht müssen wir dann nicht entscheiden, welches dieser Gefühle das richtige ist. Man darf jemanden vermissen und trotzdem erleichtert sein. Man darf traurig darüber sein, was gewesen ist, und gleichzeitig erleichtert darüber, was nun nicht mehr sein wird.

Denn Erleichterung nach dem Tod eines Elternteils bedeutet nicht zwangsläufig, dass man diesen Menschen nicht geliebt hat.

Manchmal bedeutet sie nur, dass etwas sehr Schweres endlich vorbei ist.

Wenn du merkst, dass solche familiären Erfahrungen bis heute in deinem Leben nachwirken und du sie für dich persönlich einordnen möchtest, findest du hier Informationen zu meinen persönlichen Reflexionsgesprächen: https://corinnabusch.com/persoenliche-reflexionsgespraeche/

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