Der Mann im weißen Anzug — ein Essay von Corinna Busch
Journal · Essay

Der Mann im weißen Anzug

Corinna Busch Mentorin für bewusstes Leben
& persönliches Wachstum

Es war einer jener Sommertage, an denen die Hitze jede Form von Zivilisation infrage stellt.

Der Zug nach München war überfüllt. Menschen standen in den Gängen, lehnten an Türen und hielten Wasserflaschen wie kleine persönliche Rettungsinseln umklammert. Die Klimaanlage hatte ihren Dienst entweder eingestellt oder nie aufgenommen. Die Luft war von jener Schwere, die Gespräche unnötig macht.

Ich stand seit fast zwei Stunden zwischen einem Fahrrad, zwei Koffern und einer Familie, die den Begriff Privatleben für eine veraltete gesellschaftliche Konvention hielt.

Dann bemerkte ich einen strengen Geruch.

Es war zunächst nur eine Irritation. Etwas, das nicht in die ohnehin erschöpfte Atmosphäre des Waggons passte. Mein Blick begann zu suchen. Er wanderte über Taschen, Schuhe, verschwitzte Hemdkragen und blieb schließlich an einem Mann hängen, der unmittelbar neben mir stand.

Er war vielleicht Mitte fünfzig. Groß. Aufrecht.

Er strahlte die Gelassenheit eines Menschen aus, der gelernt hatte, sich von äußeren Umständen nicht allzu sehr beeindrucken zu lassen. Es war ein Inder. Er trug einen makellos gebundenen Turban und einen weißen Anzug, der ihm eine beinahe feierliche Eleganz verlieh. Oder vielmehr das, was wenige Stunden zuvor noch ein makellos weißer Anzug gewesen sein musste.

Nun war der Stoff von unregelmäßigen braunen Flecken übersät. Der Mann bemerkte meinen Blick und erwiderte ihn. Nicht vorwurfsvoll. Nicht verlegen. Eher mit jener Ruhe, die Menschen entwickeln, wenn sie wissen, dass die Wahrheit ohnehin gleich sichtbar wird. Für einen Moment sahen wir uns an. Dann sagte er mit einem freundlichen Lächeln:

„Ma’am, I’m sorry. But the toilet exploded on me.”

Es war einer jener Sätze, die jede weitere Konversation überflüssig machen. Denn was hätte ich darauf antworten sollen?

Mein Beileid?

Wie schrecklich?

Kommt häufiger vor?

Der Mann schien die Aussichtslosigkeit jeder gesellschaftlich vorgesehenen Reaktion bereits einkalkuliert zu haben. Er sagte es nicht als Entschuldigung. Eher als Sachstandsbericht. Wie ein Meteorologe, der mitteilt, dass es regnet.

Ich nickte. Er nickte ebenfalls. Und für einen kurzen Moment entstand zwischen zwei völlig fremden Menschen eine Form von Verbundenheit, die nur das Unglück herstellen kann.

Eine Lektion in Gelassenheit

Mir wurde klar, wie viel unseres gesellschaftlichen Lebens auf der stillschweigenden Annahme beruht, dass die Dinge funktionieren.

Züge. Klimaanlagen. Toiletten. Kleider. Würde.

Und wie schnell all diese Gewissheiten verschwinden können. Der Mann im weißen Anzug hatte an diesem Tag vermutlich mehr über Gelassenheit gelernt als die meisten Menschen in einem Wochenende Achtsamkeitsseminar.

Er stand einfach da. Mitten im überfüllten Zug. Bei fünfunddreißig Grad. Mit einem sorgfältig gebundenen Turban auf dem Kopf und den Spuren einer explodierten Zugtoilette auf seinem Anzug.

Und er trug sein Schicksal mit einer Eleganz, die seinem Anzug inzwischen vollständig fehlte.

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