Warum du alles im Griff hast – nur dein eigenes Leben nicht — ein Essay von Corinna Busch
Journal · Essay

Warum du alles im Griff hast – nur dein eigenes Leben nicht

Corinna Busch Mentorin für bewusstes Leben
& persönliches Wachstum

Es gibt Menschen, die können ein Unternehmen führen, eine Familie organisieren, komplizierte Entscheidungen treffen und in Krisen bemerkenswert ruhig bleiben. Nur wenn man sie fragt, was sie eigentlich selbst möchten, wird es plötzlich erstaunlich still. Sie wissen, was erledigt werden muss, was andere erwarten und welche Probleme dringend gelöst werden sollten. Aber wann sie zuletzt etwas getan haben, einfach weil sie es wollten, können sie oft nicht mehr sagen.

Vielleicht ist das eine der merkwürdigsten Formen moderner Erschöpfung: Man hat sein Leben hervorragend organisiert. Nur sich selbst darin irgendwann verloren. Nach außen sieht alles ziemlich ordentlich aus. Der Beruf läuft, die Verpflichtungen werden erfüllt, die Rechnungen bezahlt. Vielleicht gibt es ein schönes Zuhause, eine Partnerschaft, Freunde und gelegentlich sogar Urlaub. Eigentlich könnte man zufrieden sein. Und trotzdem bleibt dieses schwer zu beschreibende Gefühl, dass irgendetwas fehlt. Nicht unbedingt etwas Großes. Eher das Gefühl, im eigenen Leben zwar anwesend zu sein, aber nicht mehr wirklich darin vorzukommen.

Wenn Funktionieren zur Lebensstrategie wird

Wer ständig funktioniert, tut das nicht unbedingt aus Ehrgeiz. Manchmal beginnt diese Fähigkeit schon früh. Vielleicht musste man als Kind besonders vernünftig sein, weil die Eltern überfordert waren. Vielleicht gab es wenig Raum für eigene Bedürfnisse, weil andere Menschen mehr Aufmerksamkeit benötigten. Oder Anerkennung entstand vor allem dann, wenn man gute Leistungen brachte, keine Schwierigkeiten machte und möglichst selbstständig war.

Solche Erfahrungen müssen nicht zwangsläufig zu späteren Problemen führen. Sie können aber dazu beitragen, dass ein Mensch seinen eigenen Wert stark mit Leistung, Verlässlichkeit und Anpassung verbindet. Aus einer hilfreichen Fähigkeit wird dann allmählich eine innere Verpflichtung: Ich muss alles schaffen. Ich darf niemanden enttäuschen. Ich muss die Dinge im Griff behalten.

Das funktioniert häufig erstaunlich gut. Zumindest so lange, bis man merkt, dass ein Leben, das ausschließlich aus Pflichterfüllung besteht, zwar hervorragend organisiert sein kann, aber nicht unbedingt glücklich macht.

Warum erfolgreiche Menschen sich selbst verlieren können

Besonders interessant ist, dass sich selbst zu verlieren keineswegs bedeutet, im Leben gescheitert zu sein. Im Gegenteil: Manche Menschen sind gerade deshalb so erfolgreich, weil sie gelernt haben, ihre Gefühle, Bedürfnisse und Zweifel immer wieder zurückzustellen. Sie erledigen, was notwendig ist, statt lange darüber nachzudenken, wie es ihnen dabei geht.

In der Psychologie spricht man unter anderem von Emotionsregulation und Bewältigungsstrategien. Die Fähigkeit, unangenehme Gefühle vorübergehend zurückzustellen, kann in belastenden Situationen ausgesprochen hilfreich sein. Problematisch wird es, wenn daraus ein Dauerzustand entsteht und der Zugang zu den eigenen Bedürfnissen immer weiter in den Hintergrund rückt.

Dann wird Arbeit möglicherweise zum zuverlässigsten Ort im Leben. Dort gibt es Aufgaben, Ergebnisse und klare Zuständigkeiten. Im Privaten ist das komplizierter. Gefühle lassen sich nicht so effizient bearbeiten wie eine Präsentation, und die Frage nach dem eigenen Lebensglück passt selten in eine Excel-Tabelle.

Warum man unzufrieden ist, obwohl man alles hat

Viele Menschen suchen zunächst nach einer äußeren Erklärung für ihre innere Unzufriedenheit. Vielleicht brauche ich einen anderen Job. Eine neue Wohnung. Mehr Urlaub. Einen neuen Partner. Oder wenigstens ein Wochenende, an dem mich niemand etwas fragt.

Natürlich können äußere Veränderungen sinnvoll sein. Doch manchmal liegt das eigentliche Problem tiefer. Man hat über Jahre Entscheidungen getroffen, die vernünftig, erfolgreich oder gesellschaftlich erwünscht waren, ohne ausreichend zu prüfen, ob sie den eigenen Werten und Bedürfnissen entsprechen.

Psychologisch ist dabei die Unterscheidung zwischen äußeren Erwartungen und selbstbestimmten Entscheidungen wichtig. Die Selbstbestimmungstheorie beschreibt Autonomie als ein grundlegendes psychologisches Bedürfnis. Gemeint ist nicht, unabhängig von allen anderen zu leben, sondern das eigene Handeln als innerlich stimmig und selbst mitgetragen zu erleben.

Wer dauerhaft vor allem Erwartungen erfüllt, kann deshalb auch dann unzufrieden werden, wenn von außen betrachtet eigentlich alles stimmt.

Wenn man die eigenen Bedürfnisse nicht mehr erkennt

Die Frage „Was möchte ich eigentlich?“ klingt einfach. Für Menschen, die sich lange an anderen orientiert haben, kann sie jedoch überraschend schwierig sein. Häufig wissen sie sehr genau, was sie nicht mehr möchten: weniger Stress, weniger Verpflichtungen, weniger Erwartungen. Aber was an die Stelle des bisherigen Lebens treten soll, bleibt unklar.

Vielleicht liegt das daran, dass eigene Wünsche lange keine besondere Rolle gespielt haben. Wer sich immer zuerst fragt, was notwendig, vernünftig oder für andere richtig ist, verliert möglicherweise die Gewohnheit, die eigenen Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen.

Deshalb beginnt Veränderung nicht unbedingt mit einer großen Entscheidung. Manchmal beginnt sie damit, wieder Unterschiede zu bemerken: Was tue ich aus Überzeugung? Was aus Gewohnheit? Was aus Angst vor Enttäuschung? Und was würde ich möglicherweise anders entscheiden, wenn ich niemandem etwas beweisen müsste?

Warum Selbstoptimierung das Problem nicht löst

Unsere Gesellschaft hat für nahezu jede Form von Unzufriedenheit eine Verbesserungsidee. Wir sollen effizienter arbeiten, bewusster essen, besser schlafen, unsere Beziehungen optimieren und selbstverständlich auch noch lernen, möglichst produktiv zu entspannen. Selbst die Erholung bekommt inzwischen gelegentlich den Charakter einer beruflichen Fortbildung.

Doch wer sich selbst verloren hat, braucht nicht zwangsläufig eine weitere Methode, um noch besser zu funktionieren.

Vielleicht braucht er zunächst die Erlaubnis, nicht jede Lebensfrage sofort lösen zu müssen. Denn persönliche Veränderung entsteht nicht ausschließlich durch neue Ziele. Sie kann auch dadurch beginnen, dass wir unsere bisherigen Entscheidungen hinterfragen und erkennen, welche Erwartungen wir längst zu unseren eigenen gemacht haben.

Wie man wieder Zugang zu sich selbst findet

Sich selbst wiederzufinden bedeutet nicht, das bisherige Leben über Nacht infrage zu stellen. Es bedeutet auch nicht, plötzlich alle Verpflichtungen abzugeben oder nur noch den eigenen Bedürfnissen zu folgen. Beziehungen, Familie und Beruf verlangen selbstverständlich Rücksichtnahme und Verantwortung.

Entscheidend ist vielmehr, ob neben diesen Anforderungen noch Raum für die eigene Person bleibt. Für Entscheidungen, die sich stimmig anfühlen. Für Interessen, die keinen Zweck erfüllen müssen. Und für die Möglichkeit, etwas nicht mehr zu wollen, obwohl man es jahrelang selbstverständlich getan hat. Vielleicht ist das die eigentliche Schwierigkeit: Wer sein Leben lange erfolgreich organisiert hat, muss irgendwann den Mut entwickeln, nicht nur zu fragen, ob alles funktioniert, sondern auch, für wen dieses Leben eigentlich funktioniert.

Denn ein gutes Leben erkennt man nicht allein daran, dass man alles im Griff hat. Sondern auch daran, dass man sich selbst darin nicht verliert.

Persönliche Reflexionsgespräche

Wenn du dich in diesen Gedanken wiedererkennst und das Gefühl hast, dein Leben vor allem zu organisieren, anstatt es wirklich zu erleben, können meine persönlichen Reflexionsgespräche https://corinnabusch.com/persoenliche-reflexionsgespraeche/ ein Raum sein, um deine eigene Situation, deine Bedürfnisse und mögliche Veränderungen in Ruhe zu betrachten.

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