Wechseljahre und Trauma – was dir niemand sagt — ein Essay von Corinna Busch
Journal · Essay

Wechseljahre und Trauma – was dir niemand sagt

Corinna Busch Mentorin für bewusstes Leben
& persönliches Wachstum

Manchmal kehren in der Lebensmitte Gefühle zurück, für die es scheinbar keinen Grund gibt. Eine Frau, die sich seit Jahren stabil erlebt hat, schläft plötzlich schlecht. Sie ist schneller erschrocken, innerlich unruhiger, dünnhäutiger. Situationen, die sie früher kaum aus der Ruhe gebracht haben, lösen plötzlich ungewöhnlich starke Reaktionen aus. Vielleicht tauchen sogar Erinnerungen oder Körperempfindungen wieder auf, von denen sie glaubte, sie längst verarbeitet zu haben.

Das Irritierende daran ist oft nicht einmal das Symptom selbst. Es ist die Frage, die unmittelbar darauf folgt: Warum jetzt? Es gab keine neue traumatische Erfahrung, keine offensichtliche Krise und vielleicht auch keinen äußeren Anlass, der erklären würde, warum sich etwas wieder meldet, das über Jahre kaum noch eine Rolle gespielt hat.

Schnell entsteht daraus eine beunruhigende Schlussfolgerung: Die Therapie hat doch nicht funktioniert. Ich bin wieder am Anfang. Das Trauma ist zurück.

Doch so einfach ist es nicht. Denn wenn solche Veränderungen zwischen Ende vierzig und Mitte fünfzig auftreten, lohnt sich ein Blick auf etwas, das in diesem Zusammenhang erstaunlich selten mitgedacht wird: die Wechseljahre und Trauma.

Die Perimenopause verändert weit mehr als den Menstruationszyklus. Die hormonellen Schwankungen dieser Jahre stehen in Wechselwirkung mit Prozessen, die Schlaf, Stimmung, Stressreaktionen und emotionale Regulation beeinflussen. Für Frauen mit früheren traumatischen Erfahrungen könnte diese Lebensphase deshalb eine besondere Bedeutung haben.

Traumafolgen, die in den Wechseljahren wieder stärker spürbar werden, bedeuten nicht automatisch einen Rückfall. Interessanter ist zunächst eine andere Frage: Was geschieht in dieser Lebensphase mit einem Nervensystem, das lange gelernt hat, mit seiner Vergangenheit zu leben?

Wenn der Körper sich verändert, verändert sich auch das Erleben

Über Wechseljahre sprechen wir noch immer vor allem körperlich. Über Hitzewallungen, Schlaf, Gewicht und einen Zyklus, der irgendwann ausbleibt. Dabei verändern sich in der Menopausentransition auch hormonelle Prozesse, die mit Stimmung, Stressverarbeitung und psychischem Erleben verbunden sind.

Bei Frauen mit Traumaerfahrungen ist das besonders interessant. Denn ein Trauma ist nicht nur die Erinnerung an etwas Vergangenes. Traumafolgen können sich auch darin zeigen, wie schnell ein Nervensystem Gefahr registriert, wie intensiv der Körper auf Stress reagiert und wie gut er anschließend wieder zur Ruhe findet.

Ein Mensch kann gelernt haben, damit umzugehen, und über viele Jahre stabil leben. Doch Stabilität bedeutet nicht, dass das Nervensystem von späteren biologischen Veränderungen unberührt bleibt.

Genau hier beginnen Wechseljahre und Trauma, sich auf eine Weise zu begegnen, über die bisher erstaunlich wenig gesprochen wird.

Wechseljahre und Trauma: Warum alte Symptome wieder spürbar werden können

2023 veröffentlichten Vasiliki Michopoulos und ihr Team in der Fachzeitschrift Menopause eine Untersuchung mit mehr als 6.000 traumaexponierten Frauen.

Frauen im perimenopausalen Alter berichteten stärkere Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung als prä- und postmenopausale Frauen. Besonders auffällig waren Symptome der Übererregung – jene innere Alarmbereitschaft, die viele Menschen mit Traumafolgen kennen. Auch depressive Symptome waren stärker ausgeprägt.

Das beweist noch nicht, dass hormonelle Veränderungen die Ursache dafür sind. Die Untersuchung war eine Querschnittsstudie, die menopausalen Phasen wurden anhand des Alters bestimmt. Aber sie liefert einen wichtigen Hinweis darauf, dass die Lebensphase selbst bei der Betrachtung von Traumafolgen nicht ignoriert werden sollte.

Eine systematische Übersichtsarbeit von Amanda Arnold und ihrem Team, veröffentlicht 2024 im Journal of Mood and Anxiety Disorders, kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Peri- und Postmenopause könnten für Menschen mit Traumaerfahrungen besonders vulnerable Phasen darstellen. Gleichzeitig ist über die genauen biologischen Mechanismen noch erstaunlich wenig bekannt.

Nicht nur das Trauma zählt – sondern auch wie oft und wann

Besonders interessant wird es, wenn man die Biografie genauer betrachtet. Denn offenbar ist nicht allein entscheidend, ob eine Frau belastende Erfahrungen gemacht hat. Auch deren Anzahl und Zeitpunkt können eine Rolle spielen.

Die Penn Ovarian Aging Study, eine Langzeituntersuchung zur Menopausentransition, liefert dazu einen bemerkenswerten Befund. C. Neill Epperson und ihr Team untersuchten den Zusammenhang zwischen belastenden Kindheitserfahrungen – sogenannten Adverse Childhood Experiences oder ACEs – und dem erstmaligen Auftreten einer schweren Depression während der Wechseljahre.

Frauen mit zwei oder mehr belastenden Kindheitserfahrungen hatten ein deutlich erhöhtes Risiko für eine erstmals während der Menopausentransition auftretende Depression.

Doch die Studie zeigte noch etwas Überraschendes: Bei Frauen mit einer einzigen belastenden Erfahrung, die vor der Pubertät begonnen hatte, zeigte sich in dieser Untersuchung ein geringeres Depressionsrisiko.

Das bedeutet selbstverständlich ausdrücklich nicht, dass Trauma schützt oder eine belastende Kindheit irgendeine positive Folge hätte. Die betreffenden Gruppen waren klein, die Forscher selbst interpretieren das Ergebnis vorsichtig. Außerdem untersuchte die Studie Depressionen und nicht PTSD. Aber der Befund zeigt etwas Entscheidendes: Unsere Biografie wirkt nicht nach einer einfachen Gleichung. Zeitpunkt, Häufigkeit und Ausmaß belastender Erfahrungen können einen Unterschied machen.

Warum die Anzahl der Traumaerfahrungen eine Rolle spielt

Auch die systematische Übersichtsarbeit von Arnold und ihrem Team weist in diese Richtung. Mit zunehmender Traumaexposition zeigte sich eine stärkere Belastung durch traumabezogene psychische und menopausale Symptome.

Das ist eine wichtige Unterscheidung. Eine einzelne traumatische Erfahrung, mehrere unterschiedliche Traumatisierungen und jahrelange chronische Belastung sind psychologisch und biologisch nicht dasselbe.

Gerade Frauen mit mehreren Traumaerfahrungen könnten deshalb in der Lebensmitte vulnerabler sein. Nicht weil die Vergangenheit plötzlich „zurückkommt“, sondern weil sich die Bedingungen verändern, unter denen das Nervensystem mit dieser Vergangenheit umgeht.

Vielleicht ist es also gar kein Rückfall

Wenn eine Frau mit fünfzig plötzlich wieder schlecht schläft, schneller erschrickt oder jene innere Wachsamkeit spürt, die sie von früher kennt, kann sich das erschreckend vertraut anfühlen.

Doch eine erfolgreiche Traumatherapie löscht die Vergangenheit nicht aus. Sie kann verändern, wie eine Erfahrung verarbeitet wird, welche Bedeutung sie besitzt und wie stark der Organismus darauf reagiert.

Wenn sich Jahrzehnte später körperliche Rahmenbedingungen verändern, bedeutet das erneute Auftauchen vertrauter Empfindungen deshalb nicht automatisch, dass alles Erarbeitete verloren gegangen ist.

Hinzu kommt: Symptome können sich überschneiden. Schlafprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten, Reizbarkeit, Ängstlichkeit oder Stimmungsschwankungen können während der Wechseljahre auftreten – und zugleich Menschen mit Traumafolgen vertraut sein.

Nicht jede alte Empfindung bedeutet also, dass man psychisch wieder dort angekommen ist, wo man vor zehn oder zwanzig Jahren war.

Warum gerade jetzt?

Bei psychischen Symptomen suchen wir verständlicherweise nach psychischen Auslösern. Was ist passiert? Was hat mich getriggert? Welche alte Wunde wurde berührt?

Manchmal gibt es darauf eine klare Antwort. Manchmal aber lohnt sich eine andere Frage: Was verändert sich gerade in meinem Körper?

Körper und Psyche führen schließlich keine getrennten Leben. Schlaf beeinflusst unsere emotionale Belastbarkeit. Hormonelle Veränderungen stehen in Wechselwirkung mit Vorgängen im Gehirn. Stress verändert körperliche Reaktionen. Und körperliche Empfindungen können wiederum alte Alarmmuster aktivieren.

Die Forschung zu den genauen Zusammenhängen steht noch am Anfang. Die systematische Übersichtsarbeit von Arnold und ihrem Team fand lediglich 21 einschlägige Studien. Nur vier davon verwendeten die etablierten STRAW+10-Kriterien zur exakten Bestimmung der Stadien des reproduktiven Alterns.

Es wäre deshalb falsch, jede psychische Veränderung in der Lebensmitte mit einem früheren Trauma zu erklären. Aber genauso unvollständig wäre es, Wechseljahre und Trauma grundsätzlich getrennt voneinander zu betrachten.

Wenn etwas wieder auftaucht, von dem du dachtest, du hättest es längst hinter dir, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass du wieder am Anfang stehst. Vielleicht ist nicht deine Entwicklung rückwärts gegangen.

Vielleicht haben sich die Bedingungen verändert, unter denen dein Nervensystem deine Lebensgeschichte trägt.

Und manchmal ist deshalb nicht die wichtigste Frage: Warum habe ich diese Symptome?

Sondern: Warum gerade jetzt?

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