Der Ausdruck gehört zu den schönsten der deutschen Sprache.
„Der hat doch nicht mehr alle Tassen im Schrank.”
Gemeint sind dabei natürlich keine Tassen aus Porzellan. Sprachwissenschaftler vermuten, dass sich die Redewendung vom jiddischen Wort toshia ableitet – dem Verstand. Ob das stimmt, darüber streiten die Experten. Mir gefällt die Vorstellung trotzdem.
Denn manchmal geht es tatsächlich um Tassen.
Vor einigen Jahren arbeitete ich für einen sehr bekannten Schauspieler. Ein Mensch, der mehr Zeit in Hotels und Flugzeugen verbrachte als in seiner eigenen Wohnung. Zuhause schaute er meist nur kurz vorbei, wechselte den Kofferinhalt und verschwand wieder zum nächsten Dreh.
Während seiner Abwesenheit kümmerte sich eine langjährige Haushaltshilfe um die Wohnung und zwei ältere Kater.
Eines Tages kamen wir gemeinsam von einer Reise zurück. Die Haushälterin öffnete die Tür. Ihr rechter Arm war vollständig verbunden.
„Was ist passiert?“, fragte der Schauspieler erschrocken.
„Dein Kater hat mich gebissen.“
Mein Klient war ehrlich betroffen.
Er ließ seine Taschen fallen, umarmte seine Haushaltsfee und schickte sie für einige Tage nach Hause. Wenig später beschloss er, ihr ein Geschenk vorbeizubringen. Eine kleine Geste der Entschuldigung, obwohl ihn selbst keine Schuld traf. Wir fuhren gemeinsam zu ihrer Wohnung. Die Tür öffnete sich. Wir gingen ins Wohnzimmer. Und plötzlich hatte ich das merkwürdige Gefühl, den Raum bereits zu kennen. Nicht den Raum selbst. Aber Teile seiner Einrichtung.
Eine kleine Bronzeplastik stand auf einer Kommode.
„So eine hast du doch auch?“, sagte ich.
Er nahm sie in die Hand und drehte sie um. Auf der Unterseite befand sich eine persönliche Widmung. An ihn.
Langsam sahen wir uns weiter um. Ein Bild. Ein Silberrahmen. Mehrere Tassen. Eine Kristallschale. Nach und nach wurde klar, was geschehen war. Über Jahre hatte die Frau immer wieder Dinge aus seiner Wohnung mitgenommen.
Nicht spektakulär. Nicht den Fernseher. Nicht das Klavier. Sondern Kleinigkeiten.
Ein Bild. Eine Tasse. Eine Figur. Hier etwas. Dort etwas.
Am Ende fehlten Gegenstände im Wert von vielen Tausend Euro.
Das Erstaunlichste daran war allerdings nicht der Diebstahl. Sondern die Tatsache, dass er ihn nie bemerkt hatte. Er lebte in einer Wohnung voller Dinge. So viele, dass einige Tassen mehr oder weniger keinerlei Unterschied machten.
Ich habe oft an diese Geschichte gedacht. Nicht wegen des Diebstahls. Sondern wegen einer anderen Frage. Wann bemerken wir eigentlich, dass etwas fehlt? Interessanterweise gilt das nicht nur für Porzellan.
Auch im Leben verschwinden Dinge oft sehr leise.
Zeit. Neugier. Freundschaften. Leichtigkeit. Gespräche.
Manchmal verschwindet zuerst nur eine Kleinigkeit. Ein gemeinsames Abendessen. Ein Spaziergang. Ein Wochenende ohne Handy. Ein Besuch bei den Eltern. Wir denken: Nächste Woche. Nächsten Monat. Irgendwann.
Und ehe wir uns versehen, fehlt nicht nur eine Tasse. Sondern ein ganzes Kapitel unseres Lebens. Vielleicht ist das eine der stillen Gefahren des Überflusses. Nicht nur des materiellen. Sondern auch des zeitlichen. Wir glauben, wir hätten unendlich viele Möglichkeiten. Unendlich viele Sonntage. Unendlich viele Sommer. Unendlich viele Gelegenheiten, jemanden anzurufen oder einen lang geplanten Besuch nachzuholen.
Bis wir irgendwann feststellen, dass manches nicht gestohlen wurde. Sondern einfach verschwunden ist. Fast unbemerkt. Vielleicht lohnt es sich deshalb, von Zeit zu Zeit nachzusehen.
Nicht, ob noch alle Tassen im Schrank stehen.
Sondern ob noch die Dinge in unserem Leben sind, die wir eigentlich nie verlieren wollten.