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Die Maschine Mensch und ihre Angst vor der Psychologie

von Corinna Busch 

Seit rund 25 Jahren ist Prof. Dr. Dr. Christian Schubert von der Medizinischen Universität Innsbruck ein begeisterter Forscher und analysiert gemeinsam mit Kollegen die Wechselwirkungen zwischen sozialen Beziehungen, Psyche, Gehirn (Nervenzellen und Neurotransmitter) und Immunsystem (Immunzellen und Zytokine).
Kurz: Er beschäftigt sich mit der Psychoneuroimmunologie.

Warum haben Ihrer Ansicht nach so viele Menschen Vorbehalte gegen Psychologie im Allgemeinen und scheuen eine Therapie?

Prof. Schubert: Die Vorbehalte gegenüber der Psychologie und Psychotherapie haben gesellschaftliche und kulturelle, aber auch persönlich-individuelle Gründe. Wir befinden uns mit der westlich-kapitalistischen Gesellschaft in einer Maschinenideologie. Der Mensch wird implizit als Maschine gesehen, dabei gilt „immer höher, weiter, größer und jünger“, es zählt vor allem Leistung. Seelische Befindlichkeiten spielen eine geringere Rolle. Diese Geisteshaltung kann man gut auch in der Medizin erkennen. Körper und Seele werden in vielen Bereichen als getrennt voneinander angenommen (Dualismus), man konzentriert sich in Klinik und Forschung auf die kleinsten Lebenselemente, z.B. Moleküle und Gene, anstatt das große Ganze zu untersuchen (Reduktionismus). Man fokussiert auf das für alle Sichtbare bzw. Messbare, das Rationale und das Bewusste. Unsichtbares, Irrationales und Unbewusstes, welche sich hinter diesen manifesten psychischen Phänomenen befinden und mehr das Subjektive des Menschen betreffen, werden ausgeblendet (Objektivismus). Das Problem daran ist, dass diese Aspekte besonders mächtig sind, wenn es um Gesundheit und Krankheit geht. Denn wie wir etwas erleben, wie wir uns verhalten und wie erfüllend unsere sozial bedeutsamen Beziehungen sind, ist komplexer und damit umfassender als biologische Elemente. Psyche und soziale Beziehungen geben in Wirklichkeit vor, was krankmacht und was heilt. Demgegenüber sind Gene und Moleküle quasi das letzte Teil der Kette und spiegeln diese übergeordneten Prozesse nur wider.

Aber die klinische und wissenschaftliche Realität ist eine andere. Hat die „Maschine Mensch“ einmal eine Funktionsstörung (Krankheit), erwartet sie eine Reparaturmedizin, die wenig Prävention betreibt und selten bewirkt, dass sich der Patient selbstverantwortlich um seine Gesundheit kümmert und beispielsweise sein Suchtverhalten verändert. Der Patient gibt seinen Körper quasi in die Hände des „allwissenden“ Arztes, der sich aufgrund der oben genannten erkenntnistheoretischen Irrtümer der Maschinenmedizin (Dualismus, Reduktionismus, Objektivismus etc.) nur wenig mit der Psyche des Patienten in Beziehung setzen muss und sich ganz auf dessen stoffliche Elemente (Stoffwechselparameter, Moleküle etc.) konzentrieren kann. Mit dieser Form der Medizin lässt sich viel Geld verdienen, sei es durch das Anordnen von Tests, das Verschreiben von Medikamenten oder die Durchführung chirurgischer Eingriffe.

Die Maschinenmedizin ist eine ökonomisierte Medizin mit starker Verbindung zum Ersatzteillager der Gesundheits-/Pharmaindustrie. Längst geht es vor allem um wirtschaftliche Interessen und Geld spielt hier oftmals eine größere Rolle als das Wohl des einzelnen Patienten. Dies dürfte auch der tiefere Grund dafür sein, dass eine Gesundheitsindustrie die einseitige biologistische Sichtweise von psychischen Erkrankungen forciert und diese vorzugsweise mit Psychopharmaka behandelt, ohne jedoch wissenschaftliche Belege in der Hand zu haben, dass psychische Störungen biologisch erklärt werden können. Psychologie und Psychotherapie sind also schon deshalb von untergeordneter Bedeutung in der medizinischen Behandlung, weil man damit nicht genug Geld verdient.

Letztlich gibt es aber durchaus auch persönlich-individuelle Gründe, die den Patienten davon abhalten, eine Psychotherapie zu beginnen. So gilt es in unserer maschinenideologisch ausgerichteten Kultur immer noch als Stigma und als ein Zeichen von Schwäche, zum Psychotherapeuten zu gehen, obwohl längst klar ist, dass sich psychische Konflikte hinter vielen – auch körperlichen Erkrankungen – verbergen. Auch möchten sich viele Menschen nicht mit ihren eigenen Traumata und seelischen Konflikten auseinandersetzen. Sie gehen in den Widerstand, denn die Auseinandersetzung mit den Schattenseiten des eigenen Lebens kann mitunter psychisch sehr schmerzhaft sein. Gelingt es aber eigene Traumata und Konflikte zu überwinden, verspürt man deutlich mehr Freiheitsgrade im Leben. 

Die gute Nachricht ist, dass Psychologie und Psychotherapie immer mehr, insbesondere von jungen Menschen, akzeptiert und respektiert werden. Ein kultureller Wandel ist im Gange, der durch die Integration von komplexeren Aspekten menschlichen Lebens auch zu einer erweiterten Sicht in der Medizin führen wird.

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht, wenn Sie länger im therapeutischen Kontext mit Patienten arbeiten – wie hängen psychische Gesundheit und körperliche Gesundheit zusammen?

Prof. Schubert: Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass es keine Trennung zwischen Körper und Seele in meiner medizinisch-klinischen und -wissenschaftlichen Arbeit gibt. Psyche und soziale Beziehungen bilden die wirkungsvollsten Faktoren, wenn es um die Frage der Gesundheit und Krankheit eines Menschen geht. Psychisches Erleben ist mit körperlicher Aktivität untrennbar verbunden. Unser Gehirn und mit ihm Nerven- und Hormonsystem sind mit allen anderen Bestandteilen unseres Organismus verbunden und damit auch mit dem Immunsystem.

Ich bin überzeugt davon, dass eine schwere Krankheit wie Krebs auch unbewusst-psychische Ursachen haben und auch wieder überwunden werden kann, etwa dann, wenn wir uns in einer schweren, chronischen Beziehungsproblematik befinden und die Krankheit als einziger Ausweg bleibt, um im unmittelbaren Beziehungsumfeld eine Veränderung zu bewirken. In der Tat zeigen empirische Forschungsarbeiten der Psychoonkologie auf, dass psychischer Stress den Verlauf einer Krebserkrankung ungünstig beeinflussen kann und Psychotherapie die Krebsprognose verbessert. Man denke außerdem an all die chronischen Krankheiten, die durch gesundheitsschädliches Verhalten, welches psychische Beruhigung bringen soll (z.B. Alkoholismus, Nikotinkonsum, übermäßiges Essen), hervorgerufen werden, zum Beispiel Krankheiten des Herz-Kreislaufsystems oder des Darms. Körperliche Krankheit ist, wie die Forschung der Psychoneuroimmunologie zeigt, in vielen Fällen quasi psychisch angelegt.

Frühe Traumatisierungen, etwa im Kindesalter, haben, wenn sie nicht aufgearbeitet werden und anhaltende Belastung nach sich ziehen, langfristig im Erwachsenalter nicht nur seelische, sondern auch körperliche Krankheit zur Folge. Leider sind unsere herkömmlichen Forschungszugänge in der Medizin nicht geeignet, um die Funktionszusammenhänge zwischen Seele und Körper valide zu untersuchen. Wir wissen zwar schon, dass Seele und Körper zusammenhängen, nicht aber wie genau. In Innsbruck haben wir zur Klärung dieser Frage ein neues Forschungsdesign, die „Integrative Einzelfallstudie“ entwickelt. Mit diesem Design konnten wir erstmals zeigen, dass das Erleben von emotional bedeutungsvollen Ereignissen des Alltags mit langen, über Tage anhaltenden Reaktionskaskaden des Immunsystems verbunden ist. Diese verlaufen zyklisch, in mehreren Phasen, was auf Rückkopplungsmechanismen zurückzuführen sein dürfte.

Weiterhin konnten wir empirisch nachweisen, dass im Alltag emotionale Befindlichkeiten und Immunaktivität wechselseitig verbunden sind. Das bedeutet, die Psyche bewirkt eine Veränderung im Immunsystem und dieses wirkt dann regulatorisch zurück auf die Psyche. Dieser Einfluss des Immunsystems auf das Erleben und das Verhalten von Menschen zeigt sich besonders im Fall von Entzündungen, Verletzungen und Infektionen, wo Anstiege der zellulären Immunaktivität dafür sorgen, dass Menschen erschöpft sind, gereizt werden und soziale Kontakte einschränken. Solche immunologisch bedingten psychischen Veränderungen sollen es dem Organismus ermöglichen, die Energie ganz auf den Heilungsprozess zu konzentrieren.

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